1.Wachstumsentwicklung in der Kindheit und Jugend

Die Frage, ob ein Kind sich körperlich, geistig und seelisch normal entwickelt, ist die wichtigste Frage überhaupt, die sich Ärzte, Eltern und Pädagogen stellen. Ein Kind stellt sich selbst diese Frage spätestens dann, wenn es einerseits durch das soziale Umfeld zu spüren bekommt, daß irgend etwas nicht normal oder anders ist, und wenn es andererseits sich selbst mit anderen Menschen vergleicht.
Insbesondere für den Arzt ist das körperliche Wachstum ein ganz wesentliches Kriterium für die Beurteilung, ob ein Kind sich normal entwickelt. Gleich nach der Geburt wird ein Baby gemessen, gewogen und untersucht.
Eine gesunde Entwicklung läßt sich oft schon beim ersten Eindruck erkennen, gerade das körperliche Wachstum aber kann man durch einfaches Messen feststellen und dokumentieren, jeden Monat, alle halbe Jahre oder einmal im Jahr. Mit Hilfe von Somatogrammen, Wachstumskurven und Zahlentabellen kann man sich den Eindruck, ob ein Kind sich normal entwickelt oder nicht, bestätigen lassen.
Es ist besonders wichtig, die Maße datumsmäßig genau festzuhalten. Nur so ist man in der Lage, mit den Tabellen und Diagrammen aus der Fachliteratur zu arbeiten. Da das Wachstum zur Kindheit und Adoleszenz gehört, wird dieses Thema in der Literatur besonders im Bereich der Kinderheilkunde behandelt. Das Thema fällt aber auch in den Bereich der Humangenetik sowie der Endokrinologie, der Lehre von der inneren Sekretion, weil bekanntermaßen die Hormone für das Wachstum eine große Rolle spielen.

Hier weiterer Artikel mit Informationen über Wachstumsstörungen bei Kindern


2. Beurteilung der Wachstumsentwicklung

Mit Hilfe von sogenannten Somatogrammen, Wachstumskurven und Tabellen zur Entwicklungsprognose ist man in der Lage, sowohl konkrete Aussagen über den aktuellen Wachstumsverlauf zu treffen als auch den zu erwartenden weiteren Verlauf vorauszusagen.


a) Das Somatogramm


Das Somatogramm ist eine Skala, in der man die Normwerte der Körpergröße und des Körpergewichts in der jeweiligen Altersstufe ablesen kann. Aufgrund eines ziemlich allgemeinen Übereinkommens bezeichnet man als "normal" alle Einzelwerte, die innerhalb der sogenannten Zwei-Sigma-Grenzen, der Standardabweichung, d.h. zwischen m-2s und m+2s liegen. (5). Daher ist im Somatogramm neben der Zentimeter- und der Kilogrammskala für jede Altersstufe die doppelte Standardabweichung angegeben. Weichen die Maße eines Kindes um mehr als diese Zahlen von der altersgemäßen Durchschnittslänge oder von dem der Länge zugeordneten Gewicht ab, so ist das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit durch eine ernstere Entwicklungsstörung verursacht. Kleinere Abweichungen sind dagegen normale Plus- oder Minusvarianten; sie können aber auch - und zwar besonders, wenn sie plötzlich auftreten - Zeichen einer Krankheit sein. Die Somatogrammform eines bestimmten Kindes bleibt im allgemeinen während eines längeren Zeitraumes, oft über viele Jahre hin, bemerkenswert konstant. Veränderungen dieser individuellen Form des Somatogramms sind deshalb oft diagnostisch bedeutsamer als die kleineren Abweichungen von den Durchschnittswerten. Die Erfahrung lehrt, daß Abweichungen von der Norm mit um so größerer Wahrscheinlichkeit Ursache oder Folge krankhafter Störungen sind, je weiter sie ein gewisses Maß - z.B. die Zwei-Sigma-Grenzen - überschreiten, und deshalb die besondere Aufmerksamkeit des Arztes verdienen. (zitiert nach Vogt,5,6).
Die Somatogrammform wird dargestellt, indem man den Wert der Körpergröße mit dem Lebensalter durch eine Gerade verbindet.

Somatogramm Mädchen


Abb.:  In den Beispielen sind die Somatogrammformen eines gerade 13-jährigen Mädchens eingetragen, das 160 cm bzw. eines 11 1/2-jährigen Jungen dargestellt, der 148 cm groß ist. Beide Beispiele liegen völlig im Bereich der jeweiligen Standardabweichung. Bei einer gesunden Weiterentwicklung ist zu vermuten, daß z.B. das Mädchen ein Jahr später ca. 167cm groß sein wird. Würde bei dem Jungen mit 13 Jahren eine Größe von z.B. 165cm festgestellt werden, sollte man sich und den Arzt fragen, ob es für die andere Somatogrammform einen Grund geben kann, auch wenn diese Größe an sich völlig im Rahmen der Standardabweichung wäre (161cm+16cm=177cm). Somatogramm-Daten von 1980).

Somatogramm Jungen


b) Die Wachstumskurve


Ein in der Darstellung noch besseres, übersichtlicheres und in der Praxis sehr gebräuchliches Mittel, die Entwicklung des Wachstums festzustellen, ist die Aufzeichnung der Wachstumskurve in einem Koordinatensystem.
Die Diagramme zeigen für Mädchen und Jungen jeweils die Kurven des Wachstums und Gewichts in Perzentilen.
Die Einteilung nach Perzentilen ist den Sigmagrenzen etwa gleichwertig. Sie geben an, wieviel Prozent der untersuchten Personen kleiner sind als der Zentimeterwert, der bei dem jeweiligen Perzentil angegeben ist. Nach dem Diagramm für Jungen sind z.B. 3% der 18-jährigen kleiner als 168 cm, 10% kleiner als 173 cm, 50% kleiner als 180 cm, und 97% sind kleiner als 193 cm. Es ist ohne weiteres ersichtlich, daß die Perzentile 3% und 97% ziemlich genau mit den Zwei-Sigma-Grenzen zusammenfallen und daß das Perzentil 50%, der sogenannten Medianwert, nahezu mit dem arithmetischen Mittel übereinstimmt. Als "normal" gelten bei Verwendung von Perzentilen im allgemeinen alle Individuen, deren Maße zwischen den Perzentilen 3% und 97% liegen; dieser Bereich umfaßt also 94% aller Einzelwerte und deckt sich damit weitgehend mit dem Zwei-Sigma-Bereich.(5,17)

 

Hinweis:
Um die Wachstumskurven anzusehen, auf den entsprechenden Verweis klicken.

Wachstums- und Gewichtskurven in Perzentilen (Mädchen 0-18 Jahre)

Wachstums- und Gewichtskurven in Perzentilen (Jungen 0-18 Jahre)


Die jeweilige Perzentile berücksichtigt natürlich die unterschiedliche Wachstumsgeschwindigkeit in der Wachstumsphase. Beispielsweise hat ein Mädchen zwischen 7 und 12 Jahren, ein Junge zwischen 10 und 14 Jahren nochmal einen etwas stärkeren Wachstumsschub, bevor das Längenwachstum beim Mädchen mit ca. 16 Jahren, beim Jungen mit ca. 18 Jahren zum Stillstand kommt. (Es ist auch völlig normal, wenn in diesen Phasen Mädchen im Durchschnitt etwas größer sind als gleichaltrige Jungen. Mit 13 - 14 Jahren werden die Mädchen dann von den Jungen -statistisch gesehen- "überholt").
Nun kommt noch ein Phänomen hinzu, das in Mitteleuropa seit ca. 150 Jahren beobachtet wird (16,19), nämlich der Trend zur allgemeinen Wachstumssteigerung und der Wachstumsbeschleunigung (Akzeleration). Später soll noch einmal davon die Rede sein; hier nur der Hinweis, daß solche Diagramme mit den Wachstumskurven von Zeit zu Zeit natürlich aktualisiert werden. Auch sind die Diagramme verschiedener Autoren und Institute vom gleichen Zeitraum etwas unterschiedlich. Es scheint eben nicht ganz egal zu sein, ob man z.B. norddeutsche oder süddeutsche Kinder über einen längeren Zeitraum mißt und untersucht ("Nord-Süd-Gefälle"?).
In solchen Diagrammen kann man die persönliche Wachstumsentwicklung des Kindes sehr leicht eintragen und erkennen. Bei einer gesunden Weiterentwicklung wird sich ein Kind seine eigene Perzentile "suchen" und die persönliche Kurve wird entsprechend der vorgegebenen Kurven weiterverlaufen. So darf man bei konsequentem Messen auch schon erste Prognosen bezüglich der zu erwartenden Endgröße wagen. Ist z.B. ein Junge mit 6 Jahren 126 cm, mit 9 Jahren 145 cm groß, dann wird er bei einer gesunden Weiterentwicklung wahrscheinlich eine Erwachsenengröße von ca. 190 cm haben. Wenn dagegen im Laufe der Zeit die Kurve nicht mehr stetig weiterverläuft, also z.B. plötzlich stark ansteigt, vielleicht sogar außerhalb der 97er Perzentile, obwohl das vorher nicht der Fall war, so kann sich dahinter eine Krankheit verbergen.
Auf den Diagrammen werden zusätzlich die Körpergrößen der Eltern vermerkt, um auch einen erblichen Bezug zu Größe und Wachstum des Kindes zu bekommen. Abgesehen von der Prognose der Endgröße über den Verlauf der Kurve gibt es hier aber auch eine Faustformel zur Schätzung der genetisch zu erwartenden Erwachsenengröße (Zielgröße) der Kinder, hergeleitet aus der Körpergröße der Eltern und dem biologischen Unterschied von 12 - 13 cm bei der Körperlänge, der zwischen der kleineren Frau und dem größeren Mann im Durchschnitt besteht.
Die Körpergröße der Eltern zusammen wird halbiert und für ein Mädchen um 6 cm vermindert, für einen Jungen um 6 cm ergänzt. Das Ergebnis hat dann - statistisch gesehen - noch eine Streubreite von ± 8,5cm. (10)

Beispiel:

Vater 206 cm, Mutter 190 cm 
zu erwartende Körpergröße beim Mädchen: 
(206 + 190) : 2 - 6 cm = 192 cm (± 8,5cm) 
zu erwartende Körpergröße beim Jungen: 
(206 + 190) : 2 + 6 cm = 204cm (± 8,5cm) 


Will man sich nicht auf diese Faustformel verlassen, dann kann man sich eine ziemlich genaue Prognose ausrechnen. Dazu ist es nur wichtig, das Skelettalter/Knochenalter bei dem Kind zu bestimmen.

c) Die Entwicklungsprognose: Voraussage der Erwachsenengröße aus Körperlänge und Skelettalter

Die Längen- und Breitenmaße des Körpers werden unmittelbar durch das Knochenwachstum bestimmt. Darüber hinaus ist die Skelettreifung engstens korreliert mit der übrigen Entwicklung, insbesondere mit der geschlechtlichen Reifung; beide Prozesse kommen mit zeitweisen Verzögerungen oder Beschleunigungen gleichzeitig zum Abschluß. Die Beurteilung der Skelettentwicklung gehört deshalb zu den wichtigsten Maßnahmen der Entwicklungsdiagnostik und ermöglicht auch eine recht zuverlässige Entwicklungsprognose. (5)
Als Skelettalter oder Knochenalter bezeichnet man das Alter, in dem der Durchschnitt der Bevölkerung den gleichen Stand der Skelettentwicklung erreicht hat wie die untersuchte Person. Während der Pubertät wird das Knochenalter in der Regel aus einem Handröntgenbild mit Hilfe des Atlas von Greulich und Pyle oder der Tafeln von Tanner u. Mitarbeiter bestimmt (2,7). Hierbei werden die zunehmenden Verschmelzungen der Fingerknochen und der Epiphysenfugen (Wachstumsfugen) miteinander verglichen. Wenn das erfolgt ist, kann man mit den Tabellenwerten von Bayley und Pinneau eine ziemlich genaue Voraussage der endgültigen Körpergröße machen.

  
Tafel zur Vorhersage der Erwachsenengröße aus Körpergröße und Skelettalter. Die Zahlen geben an, wieviel Prozent der zu erwartenden endgültigen Körpergröße bei einem gegebenen Skelettalter erreicht sind. 
(Nach BAYLEY und PINNEAU, 1952) 
  Als "normal" gilt ein Kind, dessen Skelettalter nicht mehr als 1 Jahr von seinem Lebensalter abweicht; ein Kind dessen Skelettalter dem Lebensalter gegenüber um mehr als 1 Jahr voraus ist, wird als "acceleriert", ein Kind, dessen Skelettalter um mehr als 1 Jahr hinter dem Lebensalter zurückgeblieben ist, als "retardiert" bezeichnet. 

Beispiele:  
Ein 12jähriger Junge sei 150 cm groß und habe ein Skelettalter von 14 Jahren; er hat 90,5% seiner Endgröße erreicht, d.h.: 1,66 m. 

Ein anderer 12jähriger Junge, ebenfalls 150 cm groß, habe aber ein Skelettalter von nur 10 Jahren; er hat erst 81,2% seiner Endgröße (1,85 m) erreicht. 

Ein dritter Knabe von 12 J., 150 cm groß, habe ein chronologisches Skelettalter von 12 J.; er hat 83,4% seiner Endgröße (180 cm) erreicht. 

Am größten von den drei gleich großen und gleichaltrigen Jungen wird also der werden, dessen Skelettalter noch am wenigsten fortgeschritten ist.  



Die Standardabweichung der Voraussagen von der tatsächlich erreichten Körpergröße betrug in der Untersuchungsreihe von Bayley und Pinneau bei Kindern bis 14 Jahre nur bis ± 2,5 cm, bei älteren Kindern sogar nur bis ± l cm.
Die Voraussage wird mit dem tatsächlich erreichten Endzustand natürlich um so genauer übereinstimmen, je länger die Vorbeobachtungsperiode gedauert hat, je weiter die Entwicklung fortgeschritten ist und je weniger unvorhersehbare, die Entwicklung positiv oder negativ beeinflussende Ereignisse eintreten (5). Das heißt, daß bei einem gesunden Wachstum die Entwicklungsprognosen aus verschiedenen Jahren kaum voneinander abweichen. Auch hierbei kann man die Schlußfolgerung ziehen, daß bei einer erheblichen Abweichung der Prognosen aus verschiedenen Jahren eine Krankheit vorliegen kann. Für eine genaue Prognose ist es auf jeden Fall wichtig, das Skelettalter zu bestimmen, denn - wie wir gesehen haben - zeigt die Tabelle nach Bayley und Pinneau, daß bei einer nur leichten, wenn auch noch normalen Retardation bzw. Akzeleration bis zu einem Jahr, die Voraussagen der Erwachsenengröße unterschiedlich sind.


Vielen Dank an den Klub Langer Menschen für die Bereitstellung der Daten. Diese und weitere Informationen finden Sie auf der Webseite der KLM-Stuttgart.

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